EINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans KabukiEINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans Kabuki

StückeTypische Stücke

Tokaido Yotsuya Kaidan (Die Gespenster von Yotsuya)

Sewa-mono

Zusammenfassung

“Tokaido Yotsuya Kaidan”
National Theatre collection (NA100380)

Dieses Stück, eines der typischsten Werke von Tsuruya Namboku IV und weithin als „Yotsuya Kaidan“ bekannt, entfaltet sich als Gespenstergeschichte um die beiden Schwestern Oiwa und Osode, Töchter von Yotsuya Samon (ein vormals zum Enya-Clan gehöriger herrenloser Samurai). Getrieben wird sie vor allem von den schändlichen und grausamen Taten des Tamiya Iemon, Oiwas Ehegatte.

Berühmt ist vor allem die Szene „Moto no Iemon rotaku“ (Iemons Haus), in der Oiwas Aussehen durch Gift zerstört wird, das Ito Kihe präpariert hat, der ihren Ehegatten mit seiner Enkelin verheiraten will, und Oiwa dann Iemon verfluchend stirbt.

Danach quält Oiwas Gespenst Iemon in mehreren Szenen und führt Iemons Mutter und andere Iemon nahestehende Personen eine nach der anderen in den Tod. Am Ende wird Iemon von Sato Yomoshichi, Osodes Ehemann, erschlagen.

Iemon wird als nimaime (Rolle eines gutaussehenden Mannes mit weißgeschminktem Gesicht) beschrieben, obwohl er ein böser Mensch ist, der sowohl die beiden als Bedienstete eingestellten Yotsuya Samon und Kobotoke Kohei umbringt als auch am Plan zur Ermordung von Oiwa beteiligt ist. Die Figur des Iemon gilt daher als typischer ‚iroaku‘ (Rolle eines gutaussehenden Schurken).

Auch weil „Kanadehon Chushingura“ (Der Schatz der 47 treuen Gefolgsleute) den Hintergrund dieses Werkes bildet, besitzt es einige Verbindungen zur Welt des „Kanadehon Chushingura“. Iemon und Oiwas Vater Yotsuya Samon werden beide als Ronin, herrenlose Samurai, dargestellt, die zuvor in den Diensten des ehemaligen Enya-Clans standen.

“Tokaido Yotsuya Kaidan”
National Theatre collection (NA100380)

Highlight 1

In der Szene „Moto no Iemon Rotaku“ ist Oiwas Gesicht bereits stark vom Gift entstellt. Sie schwärzt ihre Zähne mit kane (ohaguro [Zahnschwärzungsmittel]) und kämmt sich das Haar. Während dieser mit geza (musikalische Begleitung und Klangeffekte von außerhalb der Bühne) untermalten herzzerreißenden Momente kann man mitverfolgen, wie ihr mit jedem Strich des Kamms weitere Haare ausfallen. Die Musik bringt ihre Verbitterung und ihren tiefen Schmerz über Iemons Verrat zum Ausdruck. Diese „kamisuki“ genannte Szene gilt als der Höhepunkt des Stücks.

Highlight 2

Dieses Werk nutzt verschiedene Hilfsmittel, um auszudrücken, dass Oiwa zu einem Gespenst geworden ist. Dazu zählt auch eine toitagaeshi genannte Vorrichtung, die in der Szene „Ombobori“ (Totengraben) zum Einsatz kommt.

Vor Iemon, der im Ombobori-Graben angelt, treibt eine hölzerne Tür vorbei. Auf Vorder- und Rückseite der Tür sind die Leichen von Kohei, den Iemon ermordet hat, und von Oiwa genagelt. Die Vorrichtung ermöglicht die Verkörperung beider Leichen durch einen einzigen Schauspieler. Dazu sind die Kostüme der beiden Figuren auf der Vorder- und Rückseite der Tür angebracht und in der Tür selbst ist ein Loch vorgesehen, das nur das Gesicht des Schauspielers sehen lässt. Dies ermöglicht einen spontanen Rollenwechsel durch einfaches Umklappen der Tür.

Viele andere Vorrichtungen wie chochin-nuke, bei dem das Gespenst von Oiwa aus einer brennenden chochin (Papierlaterne) erscheint, und butudan-gaeshi, bei der jemand in den butsudan (buddhistischer Altar) gezogen wird, werden in der Szene „Hebiyama anjitsu“ (Hebiyama-Klause in Honjo) genutzt.

Highlight 3

Bevor in der „Ombobori“-Szene der Vorhang fällt, suchen Iemon, Naosuke Gombei und Yomoshichi schweigend im Dunkeln herum, um der anderen habhaft zu werden. Dabei hebt Naosuke einen Brief auf, den Yomoshichi verloren hat, während Yomoshichi eine von Naosuke mitgebrachte Aalharke in die Hände fällt. Szenen dieses speziellen Typs, in denen Darsteller im Dunkeln suchen, werden auch als danmari bezeichnet.