EINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans KabukiEINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans Kabuki

Stücke

Kabuki-Inszenierungen

In der Edo-Zeit wurden Kabuki-Stücke von einer Reihe verschiedener Theater aufgeführt, die miteinander um die Vorherrschaft konkurrierten. Diesen Theatern – als za bekannt – gehörten die Bühnenautoren und Darsteller an, die fortlaufend mit der Erstellung des Repertoires befasst waren.

Kabuki-Bühnenautoren

In der Edo-Zeit (17. bis 19. Jahrhundert) genoss das Kabuki-Publikum insbesondere die Art der Darbietung und den Appeal der jeweiligen Darsteller. Da diese Darsteller Jahresverträge mit den Theatern hatten, verfassten die kyogen-sakusha genannten Bühnenautoren der Theater Geschichten mit Rollen, die die speziellen Fähigkeiten und Eigenschaften der Darsteller besonders zur Geltung bringen sollten. Die Bühnenautoren halfen bei der Leitung und unterstützten die Aufführungen auch in anderer Weise.

In den frühen Tagen des Kabuki wirkten auch Darsteller als Bühnenautoren. Manchmal schrieb ein einziger Autor das gesamte Stück. Als die Stücke länger und komplexer wurden, führte man ein gegliedertes Produktionssystem ein. Unter diesem Ansatz entwickelten die tatesakusha (Hauptautoren) die Hauptideen und andere Stückeschreiber übernahmen einen Teil der weiteren Ausgestaltung.
Als die Edo-Zeit zu Ende ging, wurde die japanische Gesellschaft westlicher und moderner. Ab Anfang des 20. Jahrhunderts wurden auch immer häufiger Dramen gespielt, die von Autoren ohne direkte Verbindung zu dieser darstellenden Kunst verfasst waren.

Erstellung des Konzepts

In der Edo-Zeit bemühten sich die Kabuki-Autoren, ihre längeren und komplexeren Stücke für das Publikum unterhaltsamer zu machen. Man ging vielfach dazu über, auf Bühnenkunst, Literatur, mündliche Überlieferungen und andere Plots basierende Geschichten zu verwenden, mit denen die Menschen bereits vertraut waren. Diese bildeten den seikai (Welt oder Kosmos) genannten Grundrahmen des Werkes. Viele der Geschichten hatten wiedererkennbare Themen, darunter historische Stücke wie „Heike Monogatari“ (Geschichte des Heike), „Soga Monogatari“ und „Taiheiki“, Liebesgeschichten wie „Osome/Hisamatsu“ und „Seigen/Sakurahime“ und viele andere mehr.

Shuko bezeichnet die Bearbeitung eines Plots im Rahmen eines sekai unter verschiedenen Gesichtspunkten und die dazu jeweils verwendeten Mittel. Nach dem Festlegen des sekai bauten die Bühnenautoren dann Anlehnungen an Raube, Morde, Betrug, Doppelselbstmorde und andere dem Publikum der damaligen Zeit bekannte Vorfälle ein. Sie gestalteten Geschichten auch, indem sie mit sekai mit Gestaltungsmitteln wie falsche Überzeugungen, Doubles, Verwechslungen oder stereotypischen Szenen wie Trennungen eine bestimmte Entwicklung vorgaben.

Entwicklung des Dramas

“Kanadehon Chushingura”
National Theatre collection (NA070930)

“Tokaido Yotsuya Kaidan”
National Theatre collection (NA100380)

Dieser Ansatz zur Erstellung von Stücken wurde häufiger, nachdem der darstellenden Kunst und Literatur das Aufgreifen von zeitgenössischen Vorfällen verboten wurde. In einigen Fällen wurden auch neue Kabuki-Werke auf der Basis von populären Werken als „Welt“ produziert. Ein Beispiel war „Kanadehon Chushingura“ (Der Schatz der 47 treuen Gefolgsleute), das seine erste Aufführung als Ningyo-joruri (Japanisches Puppentheater) in der Mitte des 18. Jahrhunderts erlebte und danach auch wiederholt als Kabuki aufgeführt wurde. Als der Bühnenautor Tsuruya Namboku IV „Tokaido Yotsuya Kaidan“ (Die Gespenster von Yotsuya) schrieb, verwendete er diese Erzählung – in der die Gefolgsleute mit zahlreichen Schwierigkeiten kämpfen und ihren Herrn rächen – als sekai. Für den shuko-Plot diente die Geschichte von einem der Gefolgsleute, der aus Eigeninteresse Raub und Mord beging. Er bezog auch aktuelle Themen der damaligen Zeit ein – das Gerücht, dass der Geist einer Frau erscheint, und die Meldung, dass am Ufer die Leichen eines Mannes und einer Frau angespült wurden.

“Kanadehon Chushingura”
National Theatre collection (NA070930)

“Tokaido Yotsuya Kaidan”
National Theatre collection (NA100380)

Interpretationen und kreatives Schaffen

Ebenfalls weit verbreitet bei Kabuki-Stücken war kakikae (Umschreiben) – das Verfassen neuer Werke durch Ändern einzelner Figuren oder Geschichten bei möglichst weitgehender Wiederverwendung des sekai von berühmten Stücken. Ein Bespiel ist „Yowa Nasake Ukina no Yokogushi” (Narbengesicht Yosaburo), geschrieben von Bühnenautor Segawa Jokou III. In dieser Geschichte geht es um einen Mann namens Yosaburo, dessen ganzer Körper mit Narben bedeckt ist, die ihm wegen seiner Affaire mit seiner Geliebten Otomi beigebracht wurden.

In späteren Jahren erstellte der Bühnenautor Kawatake Mokuami unter dem Titel „Musumegonomi Ukina no Yokogushi“ (Der Skandal um den Lieblingskamm des jungen Mädchens) eine kakikae-Version dieses Werks. Hier haben Yosaburo und Otomi wie in der urprünglichen Geschichte eine Affaire, in diesem Falle werden die Schnittwunden aber Otomi zugefügt. Es war ebenfalls populär beim Publikum. Häufig wurde der Titel des kakikae-Stücks dazu benutzt, das Publikum an das Originalwerk zu erinnern. Dies sollte zum einen Respekt vor dem Originalwerk ausdrücken und zum anderen die Fans der früheren Version in die neue Inszenierung locken.

Nun trat eine als naimaze (Vermischung) bezeichnete komplexere Methode auf den Plan, die verschiedene sekai in einem einzigen Stück kombiniert. Beispielsweise unterscheiden sich die sekai von jidai-mono (historische Stücke), in denen Samurai ihre Herren rächen, und die sekai von sewa-mono (zeitgenössische häusliche Stücke), in denen Morde aus egoistischen Motiven verübt werden, deutlich hinsichtlich ihrer Themen, Geschichten, Figuren und anderer Details. Der naimaze-Ansatz allerdings kombiniert diese unterschiedlichen Welten. So kann eine Handlung entstehen, in der die Figur eines Samurai, der Rache sucht, als ein Stadtbürger auftritt, der mordet, um Geld zu stehlen. Die Verknüpfung der separaten sekai von jidai-mono und sewa-mono hat die Möglichkeiten der Geschichte wesentlich erweitert.