EINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans KabukiEINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans Kabuki

Geschichte

Klassik und Moderne

Die Popularität des shin-kabuki

“Shuzenji Monogatari” written by Okamoto Kido
National Theatre collection (BM002666)

Auf Kawatake Mokuami, der weiterhin viele in der Edo-Zeit (17. bis 19. Jahrhundert) angesiedelte Werke schrieb, folgten keine wirklich beachtenswerten Autoren. Der Einfluss der Engeki Kairyo Undo (Theaterreformbewegung) machte es jedoch für Autoren aus anderen Bereichen wie Tsubouchi Shoyo einfacher, eine Verbindung zum Kabuki herzustellen. So kam es, dass von der späten Meiji-Zeit bis zur frühen Showa-Zeit (Ende des 19. bis erste Hälfte des 20. Jahrhunderts) auch Werke von Autoren außerhalb der Kabuki-Welt aufgeführt wurden.

Ichikawa Sadanji II gelang erfolgreich die Aufführung einer Reihe solcher Stücke des shin-kabuki (neuen Kabuki). Die von ihm bei einem Studium in Europa erlernten Schauspieltechniken stellten sich als sehr beliebt bei Studenten und anderen Zuschauern heraus, die sonst nicht zum üblichen Kabuki-Publikum gehörten. Sadanji II war der erste, der einige dieser neuen Stücke aufführte, darunter „Shuzenji Monogatari“ (Die Geschichte von Shuzenji) und „Bancho Sarayashiki“ (Die zerbrochene Schüssel) von Okamoto Kido sowie „Genroku Chushingura“ (Fürst Tsunatoyo am Ohama-Palast) von Mayama Seika; sie werden auch heute noch oft gezeigt.

Sadanji II belebte auch Stücke wieder, die lange Zeit in Vergessenheit geraten waren, wie etwa „Narukami“ (Der heilige Narukami und die Dame Taema), das Teil der Kabuki-juhachiban (18 Kabuki-Stücke) ist, und „Ehon Gappo ga Tsuji“ (Ein Bilderbuch der Rache bei Gappo ga Tsuji) von Tsuruya Namboku IV.

Neben dem häufig aufgeführten „Irezumi Chohan“ (Der tätowierte Spieler Hantaro) von Hasegawa Shin gibt es auch shin-kabuki-Stücke von Schriftstellern wie Oka Onitaro und Nagai Kafu.

“Shuzenji Monogatari” written by Okamoto Kido
National Theatre collection (BM002666)

Weiterführung des klassischen Kabuki

Onoe Kikugoro VI
“Tsuyu Kosode Mukashi Hachijo” Shinzaimokucho Shirokoya
National Theatre collection (BM003678)

Nakamura Kichiemon I
“Ichinotani Futaba Gunki” Ichinotani Jimmon
National Theatre collection (BM000207)

Während das shin-kabuki gedieh, wurde auch traditionelles Kabuki weiter aufgeführt und brachte eine Reihe ausgezeichneter Schauspieler hervor, darunter Nakamura Utaemon V, Onoe Baiko VI, Matsumoto Koshiro VII, Ichimura Uzaemon XV, Onoe Kikugoro VI und Nakamura Kichiemon I. Diese Zeit gilt als das goldene Zeitalter des Tokyoter Kabuki.

Unter diesen herausragenden Darstellern taten sich besonders zwei aufgrund ihrer kontrastierenden Stile hervor: Onoe Kikugoro VI für sein Geschick in sewa-mono-Stücken und im Tanz, und Nakamura Kichiemon I für seine tachiyaku-Rollen in jidai-mono. Die Schauspiel- und Produktionskünste dieses mit dem Spitznamen „Kikukichi” betitelten Duos sind zu einem Modell für künftige Generationen geworden, und ihre Techniken werden bis heute weitergegeben.

Onoe Kikugoro VI entwickelte mit eigenen Ideen und Techniken Rollen weiter, in denen bereits Onoe Kikugoro V geglänzt hatte. Dazu gehörten die Rolle des Kamiyui Shinza in „Tsuyu Kosode Mukashi Hachijo“ (Shinza, der Barbier) und des Sakanaya Sogoro in „Shin Sara Yashiki Tsuki no Amagasa“ (Der Tod des Otsuta und Sogoro, der Fischhändler). Er brachte auch neue Elemente in die Produktion von Tänzen in „Yasuna“ und „Fuji Musume“ (Das Glyzinenmädchen) ein und belebte „Kagami Jishi“ (Der Kagami-Löwentanz) neu, das in Vergessenheit geraten war und durch Kikugoro VI zu neuer Beliebtheit gelangte.

Nakamura Kichiemon I meisterte erfolgreich den Dialog in Rollen wie Kumagai Naozane in „Ichi no Tani Futaba Gunki“ (Die Chronik der Schlacht von Ichinotani) und Sasaki Moritsuna in „Oumi Genji Senjin Yakata“ (Die Genji-Vorhut an der Omi-Mission).

Im Raum Kyoto/Osaka wurde in dieser Zeit Nakamura Ganjiro I für seine Perfektionierung der zeitgenössischen wagoto-Technik mit beeindruckenden Auftritten und subtiler Schauspielkunst bewundert; er galt damals als das Gesicht des Osaka-Kabuki.

Onoe Kikugoro VI
“Tsuyu Kosode Mukashi Hachijo” Shinzaimokucho Shirokoya
National Theatre collection (BM003678)

Nakamura Kichiemon I
“Ichinotani Futaba Gunki” Ichinotani Jimmon
National Theatre collection (BM000207)

Wiederbelebung und Blüte

Ichikawa Ebizo IX (Ichikawa Danjuro XI)
“Kanadehon Chushingura” Gion Ichiriki
Kabuki-za, July 1941
National Theatre collection (BM001248)

Im Zweiten Weltkrieg wurden die meisten Kabuki-Theater durch Feuer zerstört, und viele begabte Schauspieler verloren ihr Leben. Obwohl Kabuki schließlich wieder aufgenommen wurde, wurde Japan doch durch die General Headquarters verwaltet, sodass die Aufführung etwa von „Kanadehon Chushingura“ (Der Schatz der 47 treuen Gefolgsleute) und vielen ähnlichen Stücken vorübergehend verboten war, da sie Militarismus und Klassendenken zu fördern schienen. Es war eine schwierige Zeit für das Kabuki.

Trotzdem wurde das Kabuki-za-Theater 1951 wieder aufgebaut, und die Aufführung von „Genji Monogatari“ (Die Geschichte des Prinzen Genji) war ein großer Erfolg. Das Kabuki erholte sich. 1962 wurde der Name von Ichikawa Danjuro nach vielen Jahren wieder genutzt, und die Aufführung zum Anlass der Namensannahme (shumei) Danjuro XI war äußerst populär. Sie leitete einen wahren Kabuki-Boom ein.

Ichikawa Ebizo IX (Ichikawa Danjuro XI)
“Kanadehon Chushingura” Gion Ichiriki
Kabuki-za, July 1941
National Theatre collection (BM001248)

Kabuki heute

Auch heute wird auf die Wahrung der klassischen Theaterkunst Wert gelegt, doch es gibt auch neue Initiativen im Kabuki. Das Nationaltheater öffnete 1966 seine Tore mit dem Ziel, traditionelle Künste zu bewahren und zu fördern; hier werden traditionelle Kabuki-Stücke auf einer Bühne aufgeführt, die mit speziellen Aufführungsgeräten ausgestattet ist. 2005 wurde Kabuki zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO erklärt und in eine repräsentative Liste aufgenommen.

Heutzutage werden Kabuki-Stücke in Zusammenarbeit mit Autoren und Regisseuren des modernen Theaters produziert, und es kommen neue Stücke auf der Grundlage von Manga und Anime-Filmen zur Aufführung. Viele Kabuki-Stücke werden in allen möglichen Theatern und nicht nur auf speziellen Kabuki-Bühnen aufgeführt. Diese verschiedenen Initiativen machen diese darstellende Kunst einem breiteren Publikum als früher zugänglich.