EINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans KabukiEINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans Kabuki

Geschichte

Zeit des Erfolgs

Entstehung des Theaterbezirks Saruwaka-machi

“Toto Meisho Shibaimachi Hanei no Zu”
National Theatre collection (NA081510)

Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts in Japan war von Hedonismus und Vergnügungssucht geprägt; gleichzeitig war es eine Periode extremer Armut für die Samurai. Politik und Wirtschaft gerieten in eine Sackgasse, und das Shogunat zog in den sogenannten Tempo-Reformen die Zügel an und reglementierte die Quellen der Freuden für das Volk streng. Dabei wurde im Jahr 1842 vor allem das Kabuki stark unterdrückt.

Zuerst wurden alle Theater im Stadtgebiet, große und kleine, und selbst die Ningyo-joruri-Theater nach Asakusa umgesiedelt, das damals noch ein Außenbezirk von Edo war. Außerdem wurde Ichikawa Ebizo V, der als das Aushängeschild des Kabuki dieser Zeit galt, für seinen luxuriösen und extravaganten Lebensstil bestraft und schließlich aus Edo vertrieben.

In diesem Umfeld hatten es Kabuki-Aufführungen zunächst schwer. Doch waren die reaktionären und dem Zeitgeist zuwider laufenden Tempo-Reformen letztlich nicht von Erfolg gekrönt. Die Reglementierungen blieben relativ wirkungslos und wurden daher nach und nach gelockert. Außerdem machten sich immer mehr Menschen auf in den neuen Theaterbezirk Saruwaka-machi in Asakusa und verhalfen dem Kabuki so langsam zu einer neuen Blüteperiode.

“Toto Meisho Shibaimachi Hanei no Zu”
National Theatre collection (NA081510)

Das Wirken von Kawatake Mokuami

“Sannin Kichisa Kuruwa no Hatsugai”
National Theatre collection (NA100330)

Der Theaterbezirk Saruwaka-machi wurde für einen Zeitraum von etwa 30 Jahren Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Zeit großer gesellschaftlicher Umwälzungen genutzt, als die Edo-Zeit (17. bis 19. Jahrhundert) in die Meiji-Zeit (19. bis 20. Jahrhundert) überging. Dabei erfreuten sich kodan- und rakugo-Geschichtenerzähler in verschiedenen Varietés zunehmender Beliebtheit und begannen, das Kabuki zu beeinflussen, und nahmen ihrerseits Einflüsse daraus auf.

Zu dieser Zeit stieg Ichikawa Kodanji IV, der weder mit gutem Aussehen und einer guten Stimme noch mit einer edlen Herkunft gesegnet war, zu einem führenden Kabuki-Darsteller auf. Sein Talent waren Tanz und Gesten, und er war ein Meister des raschen Kostümwechsels (hayagawari) und des chunori (Verwendung von Seilen, die die Schauspieler über die Bühne und das Publikum fliegen ließen) und anderer Effekte (keren). Auch konnte es niemand Kodanji in Sachen realistische Darstellung gleichtun, und er bewegte die Zuschauer oft zu Tränen.

Kawatake Mokuami (1816–1893) war ein äußerst populärer Autor seiner Zeit. Er schrieb zahlreiche shiranami-mono (Stücke mit Dieben als Hauptfigur), darunter „Sannin Kichisa Kuruwa no Hatsugai“ (Die Diebe namens Kichisa); der kleine Gauner aus der unteren Gesellschaftsklasse als Hauptfigur ließ die Talente von Kodanji besonders gut hervortreten. Mokuami stellte in seinen sewa-mono das Leben der einfachen Leute klug und geschickt dar, und sein raffinierter Schreibstil zeichnete sich durch rhythmische lange Dialoge und reiche musikalische Begleitung wie etwa das kiyomotobushi-joruri aus.

Die Stücke von Mokuami sind auch für ihre gemäldeartigen symmetrischen Bühnenbilder bekannt, und in „Aotozoshi Hana no Nishikie“ (Die fünf Diebe), auch unter Bezeichnung „Shiranami gonin otoko“ bekannt, treten fünf Diebe mit je ganz eigenem Charakter auf und stellen sich vor. Mokuami greift selten auf die Technik naimaze zurück, in der die Geschichten zufälliger Figuren miteinander verwoben werden; stattdessen beschreibt er das Leben gewöhnlicher Menschen, die sich in kleine Verbrechen verstricken, aus der karmischen Perspektive der strafenden Gerechtigkeit. Mokuamis Werke unterscheiden sich damit deutlich vom damals üblichen Schreibstil.

Ichikawa Kodanji IV litt unter der oft allzu strikten Herrschaft des Shogunats und verstarb gegen Ende der Edo-Zeit. Das Shogunat wiederum brach im Boshin-Krieg im Jahr 1868 zusammen. Japan trat damit in die Meiji-Periode ein, und auch Mokuami passte seine Werke an die neue Ära an. Er verfasste eine Reihe von Stücken, die sich ganz anderen Schauplätzen widmeten, schrieb jedoch auch weiterhin sewa-mono, in denen das alte Edo erhalten blieb. Mokuami war ein Autor von seltenem Talent, dessen Werk eine Brücke zwischen Edo- und Meiji-Zeit schlug. Viele seiner Stücke werden auch heute noch aufgeführt und nehmen eine bedeutende Position im Kabuki-Repertoire ein.

“Sannin Kichisa Kuruwa no Hatsugai”
National Theatre collection (NA100330)

Die Modernisierung des Kabuki

“Kanjincho”
National Theatre collection (BM001470)

Auch in dieser neuen Ära hielten die Japaner dem Kabuki die Treue. Diejenigen, die nachdrücklich nach Reformen riefen, kritisierten jedoch den zum Teil recht schlichten und nur auf Unterhaltung abzielenden Charakter des bisherigen Kabuki. Der führende Darsteller des Edo-Kabuki, Ichikawa Danjuro IX, stellte sich höchstpersönlich an die Speerspitze des Unterfangens, die unsinnigen Geschichten und übertriebenen Aufführungsweisen des Kabuki zu reformieren. Die Meiji-Regierung war damit einverstanden, Kabuki in eine gehobene Kunstform ähnlich dem westlichen Theater zu verwandeln und zu einer darstellenden Kunst weiterzuentwickeln, zu der auch hohe Regierungsvertreter und ausländische Würdenträger eingeladen werden konnten. Diese Bestrebungen sind als Engeki Kairyo Undo (Theaterreformbewegung) bekannt.

Im Rahmen der Bewegung eröffnete Morita Kanya XII das Shintomi-za-Theater und machte sich daran, Veränderungen umzusetzen, indem er beispielsweise Gaslampen installierte. Das Ansehen des Kabuki nahm sprunghaft zu, als der Kaiser im Jahr 1887 einer Aufführung beiwohnte. In dieser Zeit entstanden so genannte katsureki-mono, in denen anhand intensiver Untersuchungen existierende Historiendramen (jidai-mono) umgearbeitet wurden, um historische Tatsachen genauer widerzuspiegeln, sowie matsubame-mono, anspruchsvolle Aufführungen auf der Grundlage von Nohgaku-Stücken. Das Publikum empfand das reformierte Kabuki jedoch als eher fade und langweilig, und katsureki-mono wurden immer seltener aufgeführt, da die Zuschauer ausblieben; sie werden heute kaum noch gezeigt.

Onoe Kikugoro V führte eine Reihe von Werken namens zangiri-mono („Stücke mit kurzem Haar“, benannt nach einer damaligen Frisur) auf, in denen versucht wurde, existierende sewa-mono an die Bräuche der modernen Zeit anzupassen. Das Publikum bevorzugte jedoch offenbar weiterhin in der Edo-Zeit angesiedelte sewa-mono-Stücke wie das neue Werk von Mokuami „Tsuyu Kosode Mukashi Hachijo“ (Shinza, der Barbier).

Um das Ende des 19. Jahrhunderts verfeinerten Ichikawa Danjuro IX und Onoe Kikugoro V das Kabuki-Repertoire aus der Edo-Zeit durch raffiniertere Darstellungen und schufen damit ein Vorbild für viele kommende Theatergenerationen. Zusammen mit Ichikawa Sadanji I, einem populären tachiyaku-Hauptdarsteller und Adoptivsohn von Ichikawa Kodanji IV, wurde dieses Trio aus Kabuki-Darstellern, unterstützt durch Mokuami, als „Dangikusa“ (gebildet aus den jeweils ersten Teilen ihrer Namen dan - kiku - sa) bekannt.

“Kanjincho”
National Theatre collection (BM001470)