EINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans KabukiEINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans Kabuki

Geschichte

Weiterentwicklung

Die Entwicklung des Shosagoto

Nakamura Tomijuro I
“Kokon Haiyu Nigao Daizen”
National Theatre collection (0010460)

Nakamura Nakazo I
“Kokon Haiyu Nigao Daizen”
National Theatre collection (0010422)

Kabuki etablierte sich nicht nur als Theaterkunst, sondern auch sein seit jeher wichtiger Tanzaspekt entwickelte sich mit der steigenden Beliebtheit musikalischer Begleitung mit erzählendem Gesang und shamisen-Spiel weiter. Speziell für das Kabuki geschaffene Tanzstücke wie shosagoto oder furigoto, begleitet von nagauta-Musik, wurden vor allem für die Rolle des onnagata kreiert. Ein besonders bekanntes Beispiel ist das erstmals Mitte des 18. Jahrhunderts aufgeführte Stück „Kyoganoko Musume Dojoji“ (Das Mädchen vom Dojoji-Tempel). Seine Wurzeln lagen im Nohgaku; Teile des Nohgaku-Stücks, die sich mit den Gefühlen einer verliebten Frau befassen, wurden zu einem eigenständigen Tanzdrama umgearbeitet. Dieser bedeutende onnagata-Tanz wird auch heute noch oft aufgeführt.

Neben dem gidayubushi flossen aus dem Ningyo-joruri auch verschiedene andere Aspekte wie tokiwazubushi und tomimotobushi als Formen der Musikbegleitung in das Kabuki ein. Diese als joruri bezeichnete Musik ist, anders als das nagauta, ursprünglich ein Erzählgesang, der stark dramatische Elemente in die für onnagata ebenso wie tachiyaku (Männerrollen) geschriebenen shosagoto-Stücke einbrachte. Aus den Tanzeinlagen zu tokiwazubushi-Gesang des Stücks „Tsumoru Koi Yuki no Sekinoto“ (Der Grenzposten im Schnee) aus dem späten 18. Jahrhundert entwickelte sich ein eigenständiges Stück, das auch heute noch aufgeführt wird.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließlich entwickelte sich der henge-buyo-Verwandlungstanz. Im Zuge dieses Tanzes wechselt ein einzelner Darsteller wiederholt die Rolle und verkörpert durch immer andere Bewegungen und Gesten verschiedene Männer und Frauen unterschiedlicher Altersstufen.

Nakamura Tomijuro I
“Kokon Haiyu Nigao Daizen”
National Theatre collection (0010460)

Nakamura Nakazo I
“Kokon Haiyu Nigao Daizen”
National Theatre collection (0010422)

Das Wirken von Tsuruya Namboku IV

Etwa 200 Jahre nach dem Aufkommen des kabuki-odori, in der Bunka- und Bunsei-Periode (erste Hälfte des 19. Jahrhunderts), hatte die Bevölkerung von Edo stark zugenommen; zugleich verlor das Shogunat zunehmend die Kontrolle über die Vergnügungssucht seiner Untertanen. In dieser Zeit entstanden viele Werke der Literatur, Kunst und Musik, und leicht verdauliche Aufführungsformen wie kodan (Geschichtenerzählen) und rakugo (witzige Sketche) florierten.

Kabuki war ebenfalls nach wie vor beliebt und beeinflusste verschiedene Aspekte des urbanen Lebens, so den Kalender und die Kleidung. Durch seine tiefe Verwurzelung in der Gesellschaft bildete es die Grundlage für viele andere Kunstformen. Kabuki-Darsteller und Autoren reisten häufig zwischen Kyoto/Osaka und Edo hin und her, und ihre Schreibstile wurden immer vielfältiger. Auch die Entwicklung des Mehrfarbendrucks fiel in diese Zeit und beeinflusste die Art und Weise, wie Unterhaltung konsumiert wurde.

Ein repräsentativer Autor aus dieser Zeit war Tsuruya Namboku IV (1755-1829). Er begründete das Literaturgenre kizewa-mono, eine realistische Darstellung des Lebens der Menschen der untersten Klassen. Außerdem verfasste er spannende Geistergeschichten (kaidan-mono) voller überraschender Effekte (keren), um das Publikum mit dem plötzlichen Erscheinen von Gespenstern und allerlei übernatürlicher Aktivität zu überraschen. Namboku nutzte verschiedene Schreibtechniken für seine freigeistigen und originellen Werke: Beim kakikae (Umschreiben) wurden Sammlungen bekannter Geschichten (sekai) zu neuen Geschichten mit anderen Handlungsorten und Figuren umgeschrieben, und beim naimaze wurden verschiedene sekai-Geschichten miteinander verwoben. Sein Werk „Tokaido Yotsuya Kaidan“ (Die Geister von Yotsuya) ist ein ausgezeichnetes Beispiel hierfür und wird auch heute noch regelmäßig gezeigt.

In dieser Zeit traten auch viele einflussreiche Kabuki-Schauspieler in Erscheinung, deren Wirken immer noch nachhallt. Matsumoto Koshiro V war besonders versiert in der Darstellung des jitsuaku (Bösewichts) und schuf zusammen mit Namboku eine Figur für die rauen kizewa-Geschichten. Iwai Hanshiro V schuf die Rolle der akuba (bösartigen Frau) für den sonst so charmanten und freundlichen onnagata. Die akuba in den Werken von Namboku ist schön und dreist und schreckt auch vor Erpressung und sogar Mord nicht zurück, um an ihr Ziel zu gelangen.

Onoe Kikugoro III wirkte in vielen kaidan-mono von Namboku mit, und sein Erbe ist der Aufführungsstil otawaya-gata, der heute noch von den Darstellern der Onoe-Familie gepflegt wird. Neben Kikugoro trat auch Ichikawa Danjuro VII in vielen von Nambokus Stücken auf und schuf die Rolle des iroaku (schönen Bösewichts) – ein gut aussehender Mann mit bösem Herzen. Als sein Erbe hinterließ er den so genannten danjuro-gata-Aufführungsstil.

“Ehon Gappo ga Tsuji”
National Theatre collection (NA030180)

“Sumidagawa Hana no Goshozome”
National Theatre collection (NA030410)

“Ehon Gappo ga Tsuji”
National Theatre collection (NA030180)

“Sumidagawa Hana no Goshozome”
National Theatre collection (NA030410)

Zusammenstellung der Kabuki-juhachiban

“Kanjincho”
National Theatre collection (NA031600)

Die Ichikawa-Familie war seit der Genroku-Zeit (Ende 16. Jahrhundert/Anfang 17. Jahrhundert) mit dem aragoto eine treibende Kraft im Kabuki und gilt im Kabuki als führend. 1832 gab Ichikawa Danjuro VII den Familiennamen an seinen Sohn weiter und überreichte ihm einen Holzdruck (surimono) mit einer Auswahl von 18 Stücken der Ichikawa-Familie, einer Sammlung von aragoto-Stücken mit den typischen energiegeladenen männlichen Hauptrollen, auf die sich die Ichikawa-Familie spezialisiert hatte.

Zum Zeitpunkt der ersten Aufführung des „Kanjincho“ (Die Stiftungsliste), einer Überarbeitung der Originalversion von einem dieser 18 Stücke unter Einbeziehung von Noh-Elementen, wurde diese Auswahl in „Kabuki-juhachiban“ umbenannt, und dieser Name setzte sich im Laufe der Zeit allgemein durch.

Gleichsam in Konkurrenz zu den Kabuki-juhachiban stellte Onoe Kikugoro V später das „Shinko Engeki Jusshu“ (Zehn alte und neue Stücke) zusammen. Auch in der Folgezeit haben verschiedene Darstellerfamilien im Kabuki ihr Repertoire auf diese Weise zusammengefasst. Es war immer schon üblich, dass bestimmte Aufführungsstile über Generationen hinweg in einer Familie weitergegeben wurde. Mit dem zunehmend „klassischen“ Status des Kabuki ging ein entsprechender Stolz der Familien einher, den sie unter anderem durch diese Stückesammlungen zum Ausdruck bringen wollten.

“Kanjincho”
National Theatre collection (NA031600)