EINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans KabukiEINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans Kabuki

Geschichte

Etablierung

Die Entstehung des aragoto

Etwa 100 Jahre nach dem Aufkommen des kabuki-odori um die Genroku-Zeit (Ende 16. Jahrhundert/Anfang 17. Jahrhundert) war die Verstädterung in Edo sowie in der kamigata-Region (Kyoto und Osaka) vorangeschritten, und die Stadtbevölkerung brachte ganz eigene Kultur- und Kunstformen hervor. In dieser Zeit entwickelte sich inmitten einer neuen Welle von Literatur, Kunsthandwerk, Musik und vielem mehr auch das Kabuki stark weiter.

Menschen aus ganz Japan strömten in die aufstrebende Stadt Edo mit ihrem großen Angebot an aufregender Unterhaltung. In dieser Atmosphäre entwickelte sich der ausdrucksvolle Kabuki-Stil aragoto. Dabei handelt es sich um einen bewusst überbetonten Darstellungsstil voll wilder Vitalität, die sich etwa in kraftvollen Bewegungssequenzen wie der mie oder dem dramatischen Bühnenabgang roppo über den hanamichi-Steg zeigte; das kumadori-Makeup ließ die Darsteller zusätzlich beeindruckend wirken.

Die Hauptdarsteller des aragoto strotzten nur so von Energie; besonders beliebt war Ichikawa Danjuro I, der sogar seine eigenen Texte verfasste. Ichikawa Danjuro II perfektionierte die Techniken des aragoto, und es ist vor allem der Ichikawa-Familientradition zu verdanken, dass dieser ausdrucksstarke Stil des Kabuki bis heute überliefert ist.

Die Entstehung des wagoto

Sakata Tojuro I
“Yarozeki Zumo”
Tokyo Metropolitan Central Library Kaga Bunko collection (加6013-2/加06013-002)

Yoshizawa Ayame I
“Yarozeki Zumo”
Tokyo Metropolitan Central Library Kaga Bunko collection (加6013-1/加06013-001)

In den alten Städten Kyoto und Osaka mit ihren über Jahrhunderte entwickelten kulturellen Traditionen bevorzugte man anstelle von neuartigen und übertriebenen Darbietungen einen feinen und subtilen Stil. Dies bildete den Hintergrund für das Aufkommen der wagoto-Form während der Genroku-Zeit (Ende 16. Jahrhundert/Anfang 17. Jahrhundert) parallel zur aragoto-Form. In den im yatsushi-Stil gehaltenen Stücken ging es zumeist um einen iro-otoko (Frauenhelden) aus gutem Haus, der in Armut verfallen war. Mit den sanften und eleganten Aufführungstechniken des wagoto zeigten die Darsteller die verschiedenen Erlebnisse des Helden bei seinem Besuch bestimmter Kurtisanen.

Ein Darsteller, der durch seine besonders glaubwürdige Verkörperung des gefallenen Frauenhelden besondere Beliebtheit erlangte, war Sakata Tojuro I. Die wagoto-Techniken werden auch heute noch im Kabuki von Kyoto und Osaka überliefert. Yoshizawa Ayame I war ein weiterer bekannter Schauspieler aus dieser Periode. Er trug entscheidend zur Entwicklung des onnagata-Stils bei und bemühte sich um eine möglichst realistische Darstellungsweise, indem er versuchte, sich auch im Alltag wie eine Frau zu verhalten.

Sakata Tojuro I
“Yarozeki Zumo”
Tokyo Metropolitan Central Library Kaga Bunko collection (加6013-2/加06013-002)

Yoshizawa Ayame I
“Yarozeki Zumo”
Tokyo Metropolitan Central Library Kaga Bunko collection (加6013-1/加06013-001)

Die Popularität des gidayu-kyogen

In der Genroku-Zeit während der Blüte des Kabuki florierte auch das Ningyo-joruri, ein Puppenspiel, bei dem die Puppen zu joruri-Musik bewegt werden, die mit der japanischen dreisaitigen Laute shamisen gespielt wird. Der Theaterautor Chikamatsu Monzaemon schrieb Kabuki-Stücke für Sakata Tojuro und erhielt auch für seine Arbeit für das Ningyo-joruri Anerkennung. Es war in dieser Zeit, dass das Ningyo-joruri-Repertoire mit seinen spannenden Geschichten Eingang in das Kabuki fand.

Chikamatsus „Kokusen’ya Kassen“ (Die Schlachten des Koxinga) war auch im Kabuki ein großer Erfolg. Diese Art von adaptierten Werken wird nach der gidayubushi-Richtung des joruri als gidayu-kyogen bezeichnet. Die Stücke sind weiter unterteilt in Historiendramen (jidai-mono) aus der Periode vor der Edo-Zeit (17. bis 19. Jahrhundert) und zeitgenössische Stücke (sewa-mono) über das Alltagsleben der Bürger der Edo-Zeit.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts, dem goldenen Zeitalter des Ningyo-joruri, wurden mehrere besonders beliebte Stücke für das Kabuki adaptiert, darunter „Sugawara Denju Tenarai Kagami“ (Sugawara und die Geheimnisse der Kalligraphie), „Yoshitsune Senbon Zakura“ (Yoshitsune und die tausend Kirschbäume) und „Kanadehon Chushingura“ (Der Schatz der 47 treuen Gefolgsleute). Diese Stücke wurden im Laufe der Zeit immer wieder aufgeführt und haben sich als die drei Glanzstücke des gidayu-kyogen etabliert; auch heute noch machen sie einen beträchtlichen Anteil aller Kabuki-Aufführungen aus.

“Sugawara Denju Tenarai Kagami Ningyo nite Tsukamatsurisoro”
National Theatre collection (NA0079642073)

“Sugawara Denju Tenarai Kagami”
National Theatre collection (NA010650)

“Sugawara Denju Tenarai Kagami Ningyo nite Tsukamatsurisoro”
National Theatre collection (NA0079642073)

“Sugawara Denju Tenarai Kagami”
National Theatre collection (NA010650)