EINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans KabukiEINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans Kabuki

Wesenszüge

Eine klassische darstellende Kunst, die jung geblieben ist

Kabuki hat den Geist jeder Ära in seine Überlieferung aufgenommen und daraus eine völlig neuartige Art des Ausdrucks geschaffen.

Die Bedeutung von „Kabuki“

Um den Beginn der Edo-Zeit (Anfang des 17. Jahrhunderts) rückten Schauspiele mit extravagant zurechtgemachten Darstellern ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Diese Darsteller wurden als kabukimono bezeichnet, ein Begriff für Menschen, die sich auffällig und merkwürdig verhalten.
In dieser Zeit kamen verschiedene Tänze wie nenbutsu-odori auf, eine von Trommeln und Gesang begleitete buddhistische Tanzaufführung, die den Seelen Verstorbener Frieden bringen soll. Zu besonderer Bekanntheit für ihren eigenwilligen Tanzstil gelangte Okuni, eine Frau, die sich als miko (Schreinjungfer) des Izumo Taisha-Schreins in Shimane bezeichnete. Sie integrierte die neuartigen und einzigartigen Bewegungen der kabukimono in ihren Tanzstil. Diese Art des Tanzes wurde als kabuki-odori bezeichnet und soll die Grundlage für Kabuki gewesen sein, wie es auch heute noch praktiziert wird.

Alle Darsteller sind männlich

“Sugawara Denju Tenarai Kagami” Kawachi no Kuni Domyoji
National Theatre (Y_E0100112000171)

Im Kabuki geht es nicht nur um Tanz. Es enthält auch Elemente aus Theater und Musik – ein Grund für seine Popularität. Diese nahm jedoch derartige Ausmaße an, dass die Behörden regulierend eingriffen, indem sie weibliche Darstellerinnen verboten. Als dann auch die Auftritte kleiner Jungen untersagt wurden, entstand eine neue Art von Kabuki, die ausschließlich von erwachsenen Männern aufgeführt wurde.
Daher werden im Kabuki weibliche Rollen von Männern gespielt.
Die Beschränkung auf männliche Darsteller erzeugte im Kabuki neue Formen des Ausdrucks für weibliche Rollen. Die Schauspieler dachten sich dazu nicht nur raffinierte Kostüme und Makeup aus, sondern erfanden auch Bewegungen, die weiblich wirken sollten, wie etwa einen trippelnden Gang mit nach innen gewandten Knien und runden Schultern, begleitet von sanften, femininen Gesten. Die Perfektionierung dieser Darbietung führte zur typischen Bühnenfigur des onnagata (weibliche Rolle).

“Sugawara Denju Tenarai Kagami” Kawachi no Kuni Domyoji
National Theatre (Y_E0100112000171)

Reiches Repertoire an Stücken

Es gibt rund 400 Kabuki-Stücke, die heute noch aufgeführt werden.
Sie lassen sich grob in zwei Arten einteilen: jidai-mono (historische Stücke) – Historiendramen rund um Ereignisse und Menschen vor der Edo-Zeit – und sewa-mono (zeitgenössische Stücke aus dem Alltag), in denen es um Liebesdinge, den Alltag und die Angelegenheiten der einfachen Menschen der Edo-Zeit ging.
Nicht alle Stücke wurden speziell für das Kabuki geschaffen, sondern wurden aus Noh, Kyogen und anderen bestehenden Kunstformen sowie zeitgleich aufkommenden darstellenden Künsten wie Ningyo-joruri (japanisches Puppentheater) übernommen und für Kabuki-Aufführungen angepasst. Diese Werke enthalten außergewöhnlich dramatische Elemente und bilden einen zentralen Teil des Kabuki-Repertoires.
Einige Kabuki-Stücke gehen auch auf die Kunst des Geschichtenerzählens (rakugo, kodan), Romane und dergleichen zurück, und es fand viel gegenseitige Beeinflussung statt. Die in der Edo-Zeit aufgeführten Stücke stammen von Autoren und Schauspielern aus dem unmittelbaren Umkreis des Kabuki. Seit Mitte der Meiji-Zeit (Ende des 19. Jahrhunderts) aber wurden auch Stücke von anderen Schriftstellern gezeigt, die nicht direkt mit der Welt des Kabuki verbunden waren.