EINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans KabukiEINLADUNG ZUM KABUKI Leitfaden für das Verständnis der traditionellen darstellenden Künste Japans Kabuki

Figuren und Darsteller

Ausdrucksweisen der Schauspieler

In der Welt des Kabuki werden die künstlerischen Fertigkeiten von den Eltern an das Kind oder vom Meister an den Schüler übermittelt, wobei die einzelnen Schauspielerfamilien jeweils eine eigene, unverwechselbare Prägung dieser Kunst kultivieren. In gleicher Weise geben auch herausragende Darsteller die Stücke und Rollen, in denen sie überragen, von Generation zu Generation weiter. Das Publikum genießt den Charm, der den einzelnen Familien und Darstellern zu eigen ist, mehr als den Inhalt der jeweiligen Geschichte. Auch die Bühnenautoren sind bemüht, spezielle Qualitäten einzelner Darsteller möglichst wirkungsvoll zum Tragen zu bringen.

Bühnennamen, Bühnen-Hausnamen, Wappen

“Naritaya Shire Shingata”
National Theatre collection (NA091340)

“Otowaya Shire Shingata”
National Theatre collection (NA091350)

Der Großteil der Bühnennamen von Darstellern wurde über Generationen weitergegeben. Solche Namen sind als myoseki (Bühnennamen) bekannt, mit denen zusammen auch Schauspieltechniken und Paraderollen weitervererbt werden. Der Vorgang des Erwerbs eines Bühnennamens wird als shumei (Übernahme eines Künstlernamens) bezeichnet, wobei die offizielle Präsentation der darin implizierten Schritte wichtige Meilensteine in den Kabuki-Aufführungsprogrammen darstellen. Bei besonders berühmten Künstlernamen sind zunächst über einen längeren Zeitraum verschiedene andere Namen zu erwerben, bevor der Künstlername vollständig übernommen werden kann. Ein Beispiel für heute übliche Vorgehen war die Übernahme des Künstlernamens Ichikawa Danjuro, der auf dem Wege über die Namen Ichikawa Shinnosuke und Ichikawa Ebizo weitergereicht wurde.
Innerhalb der Familienzweige von Darstellern sind yago (Bühnen-Hausnamen) wie „Naritaya“ in der Familie Ichikawa Danjuro oder „Otowaya“ in der Familie Onoe Kikugoro ebenfalls über die Generationen weitergegeben worden. Dies erklärt sich daraus, dass es den Darstellern in der Edo-Zeit nicht erlaubt war, ihre tatsächlichen Nachnamen zu verwenden und deshalb Bühnen-Hausnamen annehmen mussten. Auch der Großteil der Anfeuerungs- und Beifallsrufe während einer Kabuki-Aufführung gilt diesen Namen.
Derweil legen die Darsteller-Klans, wie auch normale Familien in Japan, großen Wert auf die Designs ihrer Familienwappen, die als Symbole des Familienzweigs vielfache Anwendung in den Kostümen finden. Darüber hinaus werden bevorzugte Muster einzelner Darsteller routinemäßig als sogenannte „Darstellerwappen“ oder „Darstellermuster“ auch separat vom Familienwappen weitergegeben. In der Edo-Zeit finanzierten die Darsteller die meisten Kostüme selbst und ließen Kostüme, Requisiten und andere Objekte mit Familien- oder Darstellerwappen versehen, um den Grad der Wiedererkennung der Darstellerfamilien oder jeweiligen Darsteller durch das Publikum zu steigern. Dies führte auch zur Verwendung von Farben und Mustern, die von populären Darstellern bevorzugt wurden, in tenugui-Handtüchern, aus Baumwolle gefertigten informalen yukata-kimonos und anderen Artikeln, die bei den einfachen Leuten unter den Kabuki-Freunden in Mode kamen.

“Kokon Haiyu Nigaodaizen”
National Theatre collection (0010437, 0010438, 0010439)

“Nakamuraza Kotobuki Hiro no Zu”
National Theatre collection (NA030900)

“Naritaya Shire Shingata”
National Theatre collection (NA091340)

“Otowaya Shire Shingata”
National Theatre collection (NA091350)

“Kokon Haiyu Nigaodaizen”
National Theatre collection (0010437, 0010438, 0010439)

“Nakamuraza Kotobuki Hiro no Zu”
National Theatre collection (NA030900)

Familienstile

“Kanjincho”
National Theatre collection (NA031600)

Die über Generationen in den Familienzweigen von Darstellern überlieferten speziellen Schauspieltechniken und Stile der Darstellung bestimmter Stücke und Rollen werden als ie-no-gei (Familienstile) bezeichnet. Prominente Beispiele sind unter anderem die aragoto (übertrieben heldenhafte Rollen) der Ichikawa Danjuro-Familie und die sewa-mono (zeitgenössische häusliche Stücke) und Geistergeschichten der Onoe-Kikugoro-Familie. Die „Kabuki-juhachiban“ (Achtzehn Kabuki-Stücke) oder „Shin Kabuki-juhachiban“ (Achtzehn neue Kabuki-Stücke) der Ichikawa Danjuro-Familie, die „Shinko engeki jisshu“ (Zehn alte und neue Stücke) der Onoe-Kikugoro-Familie und andere Sammlungen wurden von Darstellern als Reihen ausgewählter Stücke im Stil ihrer eigenen Familie zusammengestellt.

“Kanjincho”
National Theatre collection (NA031600)

Darstellungsformen

Im Theater ist es selbst beim Porträtieren derselben Rolle im selben Stück für einen Darsteller durchaus sinnvoll, eigene Muster, eine persönliche Darbietungsform und andere Noten einzubringen. Im Kabuki werden den Darstellungsweisen allerdings spezielle Formen überlagert, die unter dem Sammelbegriff kata (Formen) bekannt sind. Unter den verschiedenen kata, die innerhalb der Familien oder durch Lehrer-Schüler-Beziehungen überliefert werden, richten sich die in den Aufführungen verwendeten Formen im Wesentlichen nach den Darstellern, die die Hauptrollen spielen. Auch bei denselben Szenen im selben Stück spiegeln sich in größeren Variationen bei den Bühneneffekten solche kata wider.

HauptfigurGonta

Zu finden in folgenden Stücken | Die Szene "Sushiya" (Sushi Shop) aus "Yoshitsune Senbon Zakura"

Darstellungsform von Kamigata (Kyoto und Osaka)

“Yoshitsune Sembonzakura” Shimoichimura Tsurubesushiya
National Theatre (Y_E0100014000092)

„Yoshitsune Senbon Zakura“ ist ein Kabuki-Stück, das aus einem Ningyo-joruri (Puppenspiel) aus der Region Kamigata (heutiges Osaka und Kioto) abgeleitet wurde. Getreu der regionalen Kulisse des Originalwerks – eine bergige Landschaft in Yamato-no-kuni (heutige Präfektur Nara) – wird Gonta als ein hinterwäldlerischer Ganove dargestellt. Seine Bewegungen, sein Kostüm und andere Aspekte zeichnen sich durch eine realistische rustikale Prägung aus und er spricht den Dialekt der Kamigata-Region.

“Yoshitsune Sembonzakura” Shimoichimura Tsurubesushiya
National Theatre (Y_E0100014000092)

Darstellungsform von Edo

“Yoshitsune Sembonzakura” Shimoichimura Tsurubesushiya
National Theatre (Y_E0100226056022)

Beim konventionellen Ansatz wird Gonta als in Edo (heutiges Tokio) geboren und aufgewachsen im „Otowaya“-Stil der Onoe Kikugoro-Familie dargestellt. Er spricht den Dialekt von Edo und seine Bewegungen, sein Kostüm und alle anderen Elemente besitzen ein deutliches städtisches Flair. Obwohl diese Interpretation nicht dem Rahmen des Originals entspricht, wurde diese kata herangezogen, um eine Figur zu zeichnen, mit der das Publikum von Edo sich leichter identifizieren konnte.

“Yoshitsune Sembonzakura” Shimoichimura Tsurubesushiya
National Theatre (Y_E0100226056022)